Gunthard Weber, der Gründer des WISL, wird 75

Lieber Gunthard,

heute feierst Du Deinen 75. Geburtstag. Scheu wie Du bist, wenn es um Deine Person und Deine Verdienste geht, bist Du an Deinem Ehrentag nicht »im Lande«, gleichwohl haben ich und das WISL ganz besonders gute Gründe, Dich zu feiern und Dir zu danken.

Du hast einen wesentlichen Beitrag daran, dass ich zur systemischen Therapie und dann zur Aufstellungsarbeit »kam«. Bezüglich der Aufstellungsarbeit war ausschlaggebend, dass ich Dich – wie viele von uns - von der Familientherapie als Ausbilder schon kannte und dass ich überzeugt war: Wenn Gunthard so etwas angeblich Verrücktes macht, dann muss auch was dran sein. Und natürlich war es so. Du hattest die Nase schon immer im Wind, nie das Fähnchen, hattest ein unbeirrbares Gespür, wo etwas Neues passierte - und das machtest Du dann und hast Dich voll und ganz dafür eingesetzt. Damit hast du Dir auch Schwierigkeiten eingehandelt, die schließlich zu Deinem Weggang aus Heidelberg und zur Gründung des WISL geführt haben.

Du schriebst im ersten WISL-Programm 1999: »Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, doch noch zu verwirklichen, was mir in Heidelberg nicht gelang: die systemisch-konstruktivistischen und die systemisch-phänomenologischen Sicht- und Vorgehensweisen unter einem Dach zu vereinigen«. Dies ist Dir im WISL geglückt. Das Institut steht für die fruchtbare Diskussion um die Kombinierbarkeit dieser beiden und anderer innovativer Ansätze.

Der Weg dorthin war von heftigen Diskussionen und Auseinandersetzungen bis hin zu Anfeindungen im systemischen Feld geprägt. Ich als quasi noch junge Systemikerin fand meine systemisch-konstruktivistischen Kollegen in diesen Konflikten damals ziemlich dogmatisch, und wie es Unerfahrenheit und Empörung so mit sich bringen, war ich anfangs gern bereit, eher zur Polarisierung als zur Integration beizutragen.

Je mehr ich selbst in die Verantwortung gewachsen bin, desto deutlicher wurde mir, welche unschätzbare Bedeutung Dein politisches Gespür und Dein Pragmatismus für die Verbreitung der Aufstellungsarbeit, für eine seriöse und ernsthafte Auseinandersetzung mit der Methode und für ihre Vermittlung hatte und immer noch hat.

Unbeirrbar, frohen Muts und mit beispielloser Kraft hast Du uns vorgelebt, gerade zu stehen für Ideen und Überzeugungen, sich nicht darin entmutigen zu lassen, auseinanderstrebende Meinungen und Interessen im systemischen Feld wieder zusammen zu bringen und Kritik nicht nur »einzustecken«, sondern sich dieser auch zu stellen. Bei aller Unbeirrbarkeit, ja Sturheit hast Du bei inhaltlichen und politischen Auseinandersetzungen immer zur Integration statt zur Polarisierung beigetragen, ein Vorbild an persönlicher Integrität und professioneller Weitsicht.

Deine Erfahrung gab Dir recht: Inzwischen sind die Polarisierungen weitgehend abgeebbt, in den Instituten der unterschiedlichsten Beratungs- und Therapieschulen wird – wenngleich unter verschiedenen Labels – eifrig aufgestellt.

Deine Herzlichkeit im Umgang täuscht nicht darüber hinweg, dass Deine Leichtigkeit nicht beliebig ist – und wenn es drauf ankommt, ist ein solches Kaliber wie Du in seiner Streitbarkeit nicht zu unterschätzen. So war es natürlich nicht immer nur leicht mit Dir – mit Deinen beherzten Alleingängen und einsamen Entschlüssen und mit Deiner Bescheidenheit, die einen erst recht in die Pflicht nahm und es auch schwer machte, eigene Forderungen zu stellen.

Lehrreich war das immer: Mit Dir als Modell konnte man lernen, für seine Neugier ins kalte Wasser zu springen, etwas zu wagen, zu lernen durch Tun statt durch verschulten Fleiß. Das fördert auf besondere Weise Entwicklung und Wachstum bei denen, die mit Dir als Therapeut, Ausbilder, Aufstellungsleiter und Kollege zu tun haben.

Ein besonderes Geschenk ist es, wie gut wir 2007 die Institutsübergabe geschafft haben und dass Du dem WISL in Rat und Tat und als Referent verbunden bleibst. Dafür danke ich Dir von Herzen.

Gleichzeitig war für Dich natürlich an »Aufhören« noch lange nicht zu denken. Menschen zu helfen ist ein wichtiger Teil Deines Lebenswerks geblieben. Zusammen mit Deiner Frau Nele und der Familientherapeutin Ruth Hoffer hast Du das Projekt »Häuser der Hoffnung« in Mali gegründet, und diese Häuser geben Mädchen und jungen Frauen aus ärmsten Verhältnissen Platz zum Wohnen, Lernen und Arbeiten und berechtigte Hoffnung auf eine selbstbestimmte Zukunft.

Und auch dieses Projekt wächst und gedeiht: Es entstanden unter anderem Wohnheime, Schulen, ein Schneideratelier, ein Kleinkreditinstitut, eine Karitébutter-Produktionsanlage – die von der Firma BÖRLIND hergestellte Malibelle Körperbutter ist auch bei den WISLERN sehr beliebt.

Deine jüngste Aktion heißt »Little Suns«: mit hochwertigen, vom Sonnenlicht gespeisten LED-Lampen soll Kindern und ihren Familien, die ohne Elektrizität sind, umweltschonendes Licht zur Verfügung gestellt werden. Das WISL wird sich heute zur Feier des Tages mit 75 Little Suns an dieser Lichtaktion beteiligen.

(Liebe Leser, wollen sie auch mitmachen? Klicken Sie hier:
http://www.haeuser-der-hoffnung.org/ ….)

Lieber Gunthard, Du hast in den vergangenen Jahrzehnten eine Menge Samen gesät, Bäume gepflanzt, zu vielfältigem Wachstum beigetragen – im konkreten und metaphorischen Sinn.

Nun bist Du 75 geworden, und wir beglückwünschen Dich – und uns, dass wir Dich haben: eigensinnig, suchend, ruhelos, inspirierend wie du bist.

Doch die letzten Jahre haben auch Schweres gebracht. Du selbst sagtest neulich sinngemäß, es werde hohe Zeit, ein anderes Tempo anzuschlagen und neu auf Schicksal, Leben und Tod zu blicken.

Diesen neuen Blick auf das, was künftig für Dich Sinn macht und Dein Herz erwärmt und die Muße dafür wünsche ich Dir von ganzem Herzen.

Wir werden weiter auf Dich hören als Vordenker, Gründer und Gründler, Mensch und Freund.

Diana Drexler